SOLANIUS – KI-Weiterbildung & Coaching

Was bleibt, was wird: Ein Nachmittag im alten Zinkwalzwerk

Recap der Oberhausener Arbeitsmarktkonferenz 2026: Demografie, Ausbildung, KI und die Frage, wie Arbeit zwischen Beständigkeit und Wandel ihre verbindende Kraft behält.

Von Martin Salwiczek · 2026-09-18

Die Oberhausener Arbeitsmarktkonferenz 2026 fand am 16. September im Zentrum Altenberg statt, in den ehemaligen Hallen einer Zinkfabrik, die bis in die 1980er Jahre produzierte und heute ein soziokulturelles Zentrum ist. Ein Konferenztitel wie „Was bleibt, was wird? Beruf zwischen Beständigkeit und Wandel“ trifft in diesen Backsteinhallen auf einen Ort, der genau das schon einmal durchgemacht hat: eine ganze Arbeitswelt, die verschwand, und ein Gebäude, das eine neue Aufgabe fand.

Bürgermeister Thorsten Berg eröffnete mit Zahlen, die diesen Anspruch sofort einlösen. Das IAB rechnet für 2026 mit einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials von rund 470.000 Menschen allein durch Demografie, bis 2040 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes rund 13,3 Millionen heutige Erwerbspersonen das Rentenalter erreicht haben. Gleichzeitig waren im August in Oberhausen 1.121 junge Menschen unter 25 arbeitslos gemeldet, bei über 2.300 offenen Stellen. Bergs Punkt: Fachkräftemangel und Jugendarbeitslosigkeit sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten desselben Passungsproblems. Sein Fazit für die Stadt als Arbeitgeberin, mit aktuell rund 130 geplanten neuen Nachwuchskräften für 2027, lautete entsprechend: nicht nur suchen, sondern selbst ausbilden.

Die Keynote hielt der Soziologe Armin Nassehi, und er stieg über eine Anekdote seines Sohnes ein, der als Kind erklärte, sein Vater müsse nicht arbeiten, er sei ja Professor. Von dort aus entwickelte Nassehi seine These: Arbeit ist in unserer Gesellschaft der zentrale Identitäts- und Aufstiegsgenerator, und das bleibt so, auch wenn junge Menschen angeblich andere Prioritäten hätten. Was sich ändert, ist die Zurechnung: Wenn KI-Systeme zunehmend an Entscheidungen beteiligt sind, die früher eindeutig einer Person oder einem Team zugeschrieben wurden, wird schwerer erkennbar, wessen Leistung eigentlich zählt. Nassehi sieht darin keinen Jobkiller, aber eine Zumutung, mit den Organisationen, auch Verwaltungen, gerade erst anfangen umzugehen. Sein Schlussgedanke: Das Zufriedenheitsparadox, wonach Menschen ihr eigenes Leben meist positiver einschätzen als die Gesellschaft insgesamt, funktioniert nur, solange Arbeit dieses Scharnier zwischen beidem bildet. Fällt das weg, wirkt sich das nicht nur auf Einzelne aus, sondern auf das Vertrauen in demokratische Prozesse insgesamt.

Die sechs Impulse danach übersetzten das in handfeste Praxis. Dorothea Voss vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hielt dagegen, dass das Berufsprinzip trotz allem stabil bleibt: Deutschland hat weiterhin 328 anerkannte Ausbildungsberufe, und KI ist in den grundlegenden Geschäftsprozessen vieler Unternehmen schlicht noch nicht angekommen. Frederik Paul stellte aus Arbeitgebersicht das Gegenstück daneben: 54 Prozent der Unternehmen setzen bereits KI ein, bis 2034 hält er ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 440 Milliarden Euro für möglich, gleichzeitig verweist das IAB kurzfristig auf etwa 100.000 neu entstehende und 50.000 wegfallende Stellen. Sein zugespitzter Satz: Ohne KI drohe eher ein Produktions- als ein Beschäftigungsproblem.

Claudia Hägele brachte die Beschäftigtenperspektive ein und zeigte, wie unterschiedlich Vereinbarkeit tatsächlich verstanden wird: Manche Beschäftigte brauchen flexible Zeiten, andere gerade feste. Für 9 von 10 Unternehmen ist Familienfreundlichkeit trotz wirtschaftlicher Krise wichtig, wirklich verankert ist sie aber vielerorts noch nicht, oft schlicht mangels Personal. Maren Behlau vom MAGS zeigte am Ausbildungsmarkt eine doppelte Passlücke: In NRW wurden zuletzt rund 100.000 neue Ausbildungsverträge geschlossen, während knapp 38.000 junge Menschen noch einen Platz suchen, und ausgerechnet in Oberhausen gibt es bereits wieder einen Bewerberüberhang. Leon Paul, als Jugend- und Auszubildendenvertreter der Stadt, benannte die Erwartungen seiner Generation nüchtern statt larmoyant: Sicherheit, Entwicklung, Sinn und eine Flexibilität, die Familie und Gesundheit nicht verdrängt. Und Michael Jehn, Dezernent für Bürgerservice, Öffentliche Ordnung, Personal und IT der Stadt Oberhausen, lieferte die vielleicht überraschendste Zahl des Tages: Für 458 angebotene Ausbildungsplätze gingen in diesem Jahr 2.251 Bewerbungen ein, der höchste Wert seit über 15 Jahren, während die Stadt bis 2033 zugleich 384 altersbedingte Abgänge verkraften muss. Sein Fazit, dreimal wiederholt: Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung.

Was das für uns bedeutet

Für SOLANIUS war das ein Nachmittag, an dem sich fast jeder Impuls an einen Punkt anlehnte, den wir aus der eigenen Arbeit kennen. Was Berg und Behlau am Ausbildungsmarkt als doppelte Passlücke beschreiben, sehen wir in unserem eigenen Coaching bei Erwachsenen genauso, nur mit einer anderen Ursache: Es gibt nicht zu wenig Bildungsangebote, es gibt zu viele, die an dem vorbeigehen, was die Menschen tatsächlich brauchen. Das ist kein reines Jugendphänomen, das begegnet uns über alle Altersgruppen hinweg. Und der Mismatch reicht über die Ausbildung hinaus in den Arbeitsmarkt selbst: Viele Berufsbilder sind längst generalistischer geworden, als es die Stellenausschreibungen zeigen, mit denen Unternehmen weiterhin nach klassischen Berufsbezeichnungen suchen. Wer sich in diesen Titeln nicht wiederfindet, bewirbt sich erst gar nicht oder stellt sich anders dar, als er eigentlich ist, ein Effekt, den digitale Bewerbungswege eher verstärken als abbauen.

Die KI-Frage, die im Beratungsgeschäft unser Kerngeschäft ist, tauchte in fast jedem Beitrag in derselben Form auf: nicht als Jobkiller, sondern als Verschiebung dessen, wem eine Leistung eigentlich zugeschrieben wird. Wenn eine KI einen Vorschlag liefert und ein Mitarbeiter ihn übernimmt, wird unklarer, wessen Leistung das eigentlich ist, mit Folgen sowohl für Verantwortung als auch für Anerkennung. Genau da setzt menschenzentrierte Weiterbildung an: nicht die Technik in den Mittelpunkt stellen, sondern die Frage, wie ein Mensch mit ihr erkennbar bleibt in dem, was er tut.

Was bleibt, was wird? Bleiben wird, dass Veränderung und der Umgang mit ihr unser stetiger Begleiter sind. Was wird, lässt sich nicht vorhersagen, nur hoffen: dass trotz zunehmender Digitalisierung mehr Miteinander vor Ort entsteht, mehr direkter Austausch, und dadurch ein besseres Verständnis füreinander. Die alte Zinkfabrik selbst ist dafür ein leises Beispiel: Aus einem Ort, an dem gearbeitet wurde, ist ein Ort geworden, an dem man sich trifft.