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Jeder Fünfte fühlt sich einsam: Was das Bochumer Symposium designed2belong Unternehmen sagen will

Einsamkeit ist ein Kostenfaktor, ein Gesundheitsrisiko – und ein Thema für Unternehmen. Eindrücke vom Symposium designed2belong der Sagittarius Akademie in Bochum und Gedanken zur Rolle von KI.

Von Martin Salwiczek · 2026-06-14

Einsamkeit ist längst kein gesellschaftspolitisches Randthema mehr. Sie ist ein Kostenfaktor, ein Gesundheitsrisiko und ein Indikator für das, was in vielen Unternehmen und Organisationen fehlt: echte Verbundenheit. Am 6. Juni 2026 haben Mathias und Christian Hallerbach von der Sagittarius Akademie und dem HaBuS Verlag in Bochum ein Symposium veranstaltet, das genau dieses Thema in den Mittelpunkt gestellt hat: designed2belong, Verbundenheit gestalten. Für uns war die Veranstaltung auch Gelegenheit, einer Frage nachzugehen, die uns ohnehin beschäftigt: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz, wenn es um Einsamkeit geht?

Ein Symposium, das Brücken baut

Wer Mathias und Christian Hallerbach kennt, weiß, dass sie sich seit vielen Jahren mit Fragen gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Integration beschäftigen. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, mit dem Symposium designed2belong einen Raum für den Austausch über soziale Verbundenheit, Einsamkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen.

Bochums Bürgermeisterin Jeßel eröffnete die Veranstaltung und setzte damit ein klares politisches Signal: Einsamkeit ist kein Thema, das allein in Selbsthilfegruppen verhandelt werden sollte. Sie erinnerte daran, was Bochum verloren hatte, als die Zechen, die Stahlwerke und schließlich Opel verschwanden: nicht nur Arbeitsplätze, sondern die sozialen Strukturen, die diese Orte mit sich getragen hatten. Menschen, die täglich zusammenkamen. Schichten, die Nachbarschaften zusammenhielten. Diese Räume, so Jeßel, fehlten bis heute.

Angela Siebold, die den thematischen Teil des Tages moderierte, rückte die Dimension des Problems in den Blick: Aktuelle Erhebungen weisen für Nordrhein-Westfalen eine Einsamkeitsbelastung von rund 14 Prozent aus. Einsamkeit betrifft dabei keineswegs vor allem ältere Menschen, gerade bei jungen Erwachsenen stiegen die Werte in und nach der Pandemie auf zeitweise fast 47 Prozent. Einer der Leitgedanken, der sich durch die gesamte Veranstaltung zog, war die Frage nach der Rolle von Unternehmen in diesem Kontext: nicht nur als Arbeitgeber, sondern als soziokulturelle Räume, in denen Menschen einen erheblichen Teil ihres Lebens verbringen und in denen Verbundenheit entstehen kann.

Was Einsamkeit bedeutet und warum sie sich der politischen Hilfe entzieht

Den wissenschaftlichen Rahmen setzte Prof. Georg Juckel, Chefarzt der LWL-Klinik Bochum, der sich seit rund zehn Jahren mit dem Thema befasst. Juckel unterschied zunächst zwischen Alleinsein und Einsamkeit: Alleinsein könne wertvoll sein, produktiv und regenerierend. Einsamkeit hingegen sei das subjektive Gefühl, nicht ausreichend verbunden zu sein. Kein messbarer Zustand, sondern eine innere Erfahrung. Genau das macht sie so schwer zu fassen und politisch zu adressieren.

Einsamkeit folgt einem Teufelskreis, den Juckel anschaulich beschrieb: Sie führt zu Rückzug, der Rückzug verstärkt das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit, bis irgendwann kaum noch Anknüpfungspunkte für Kontakt bestehen. Die gesundheitlichen Folgen sind gut belegt. Einsamkeit ist in ihrer körperlichen Wirkung vergleichbar mit dem täglichen Rauchen einer Schachtel Zigaretten. Sie belastet das Immunsystem, erhöht das Risiko für Depressionen und suizidales Verhalten und führt nachweislich zu einer verkürzten Lebenserwartung.

Besonders bemerkenswert ist, dass Einsamkeit in Deutschland bislang keine anerkannte Diagnose darstellt. Das hat konkrete Konsequenzen: Systematische Förderung und strukturelle Unterstützung lassen sich kaum auf eine belastbare gesetzliche Grundlage stellen. Ein strukturelles Paradox, das sich an diesem Tag immer wieder aufdrängte: Gerade die Initiativen und Menschen, die am nächsten an den wirklich Einsamen arbeiten, bewegen sich in einem Feld, das von bürokratischen Anforderungen stark eingeschränkt ist und gleichzeitig wenig strukturelle Rückendeckung erhält. Juckel plädierte dafür, Anreize zu setzen, etwa steuerliche Begünstigungen für Menschen, die sich aktiv im Nachbarschaftsumfeld engagieren. Die politische Resonanz darauf sei bislang verhalten, berichtete er.

Das Podium: Einsamkeit aus vielen Perspektiven

In der Podiumsdiskussion, moderiert von Angela Siebold, zeigten sich die vielen Gesichter des Themas. Birte Hackstedt von der Selbsthilfekontaktstelle Bochum beschreibt in ihrer täglichen Arbeit Menschen, die zunächst kaum noch in der Lage sind, einen Termin wahrzunehmen oder ein Gespräch aufzunehmen. Für sie beginnt der Weg aus der Einsamkeit oft lange vor jeder Vermittlung in Beschäftigung oder sozialen Kontext. Tim Kramer von Vereint Bochum steht für einen anderen Ansatz: niedrigschwellige Begegnungsformate, die keine Voraussetzungen stellen und Menschen unkompliziert in Kontakt bringen. Jacqueline Lange von der youngcaritas Deutschland brachte die Perspektive junger Menschen ein: Einsamkeit unter Jugendlichen werde oft übersehen, weil sie sich anders äußert als bei Erwachsenen, doch sie sei real und wachsend. Jessica Lüning von G-Data brachte die Unternehmensperspektive ein und bestätigte, was sich durch den ganzen Tag zog: Einsamkeit endet nicht am Werkstor. Sie betrifft den gesamten Alltag der Menschen, und Arbeitgeber tragen Mitverantwortung dafür, wie Menschen aufgenommen, wahrgenommen und eingebunden werden. Matthias Köllmann von der VBW-Stiftung ergänzte die quartiersbezogene Dimension: Verbundenheit entsteht im Wohnumfeld oft genauso wie im Betrieb, wenn die richtigen Räume dafür geschaffen werden.

KI und Einsamkeit: Eine Frage, die nicht losgelassen hat

In vielen Gesprächen am Rande der Veranstaltung drängte sich eine Frage auf, die auf dem Podium nur gestreift wurde, mich aber schon länger beschäftigt: Was macht Künstliche Intelligenz mit Einsamkeit? Eine aktuelle Studie von DAK-Gesundheit und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigt: Bis zu zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen wenden sich an KI-Chatbots, um sich von negativen Gefühlen abzulenken, Einsamkeit zu lindern oder vertrauliche Dinge zu besprechen. Bei Jugendlichen mit depressiver Symptomatik steigt dieser Anteil auf fast ein Drittel. Eine Studie des amerikanischen RAND-Instituts aus dem Jahr 2025 kommt zu einem ähnlichen Befund: Jeder achte Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 21 Jahren nutzt KI-Chatbots für mentale Unterstützung.

Das hat etwas Nachvollziehbares. Eine KI bewertet nicht, löst kein Schamgefühl aus und ist jederzeit verfügbar. Für Menschen ohne Zugang zu echter Unterstützung kann das ein erster Anknüpfungspunkt sein. Gleichzeitig wächst die Frage, was es bedeutet, wenn diese Systeme immer menschenähnlicher werden, nicht nur in der Textinteraktion, sondern auch in der Robotik. Was passiert mit der Fähigkeit zur echten Begegnung, wenn soziale Bedürfnisse zunehmend durch Systeme bedient werden, die keine Gegenseitigkeit kennen?

Wir haben dieses Spannungsfeld bereits in unserem Rückblick auf den Berufsinformationstag in der JVA Bochum beschrieben, wo Inhaftierte den Wunsch äußerten, eine KI zu haben, mit der man wirklich sprechen kann. Die grundlegende Frage ist dort wie hier dieselbe: nicht ob KI eingesetzt wird, sondern mit welchem Bewusstsein und in welchem Rahmen.

Legal, illegal, *******egal?

Was mich an diesem Tag besonders beschäftigt hat, ist die strukturelle Parallele zwischen zwei scheinbar unverbundenen Feldern. Die sozialen Akteure, die Einsamkeit bekämpfen, bewegen sich in einem Umfeld, das zu wenig Spielraum lässt und zu wenig Rückendeckung bietet. Wer dennoch wirksam helfen will, findet informelle Wege. Denselben Mechanismus kennen wir aus deutschen Unternehmen im Umgang mit KI: Wo Regulierung und fehlende Orientierung den Einsatz bremsen, entstehen eigenständige Lösungen jenseits offizieller Strukturen, ein Phänomen, das Forschende als Schatten-KI beschreiben. In beiden Fällen ist die eigentliche Herausforderung dieselbe: den richtigen Ausgleich zwischen notwendiger Regulierung und dem Raum für wirksames Handeln zu finden.

Wenn aus Online plötzlich Wirklich wird

Das Symposium hat mir selbst auf exemplarische Weise gezeigt, wovon der Tag handelte. Einige Partnerinnen und freie Mitarbeiter von SOLANIUS waren dabei, Menschen, mit denen wir bislang fast ausschließlich digital zusammengearbeitet hatten. Die Begegnung vor Ort hatte von der ersten Minute an eine andere Qualität, etwas Unmittelbares, das kein Videocall erzeugt hätte.

Präsenzbegegnungen klingen nach und hinterlassen Bilder im Kopf, sie erzeugen Erinnerungen, die sich festsetzen und die das gemeinsame Miteinander auch im Nachgang stärken. Eine Geste, ein bestätigendes Nicken, ein kurzer Moment des direkten Blickkontakts während eines Gesprächs: Das sind Dinge, die soziale Bindung erzeugen und die keine Kamera vollständig übertragen kann. Ich bin überzeugt, dass Künstliche Intelligenz, so weit sie sich auch noch entwickeln wird, genau das nicht ersetzen kann. Nicht, weil die Technologie nicht leistungsfähig genug wäre. Sondern weil wir als Menschen auf diese Art der Begegnung angewiesen sind. Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen einander.

Was das für uns bedeutet

Für uns war dieser Tag eine Bestätigung einer Überzeugung, die wir schon länger mit Mathias und Christian teilen: Weiterbildung, die wirklich wirkt, entsteht im gemeinsamen Tun und im echten Gespräch. Präsenzformate sind für uns kein Traditionszwang, sondern eine bewusste Entscheidung dafür, dass Menschen zusammenkommen, mit all dem, was dabei passiert und was kein digitales Format vollständig ersetzen kann.

Unternehmen sind soziokulturelle Räume. Wer arbeitslos ist und wieder in Beschäftigung findet, findet seinen passenden Job meistens nicht über eine Stellenbörse. Er findet ihn über echte Begegnungen, über Gespräche, über Menschen, die ihn einladen oder weiterempfehlen. Was Arbeit trägt, ist selten nur der Inhalt der Stelle, sondern das Umfeld: die Menschen, mit denen man etwas teilt.

Die Botschaft, die ich aus diesem Tag mitnehme, ist einfach und konkret: hinschauen, zuhören und nicht wegschauen, wenn jemand im eigenen Umfeld zurückfällt. Und Begegnungsräume nicht nur suchen, sondern aktiv gestalten.


Wie SOLANIUS unterstützt

Wir von SOLANIUS unterstützen Arbeitssuchende dabei, durch praxisorientierte Weiterbildungen genau die KI-Skills aufzubauen, die heute am Arbeitsmarkt händeringend gesucht werden. Gleichzeitig begleiten wir Unternehmen dabei, ihre Belegschaft gezielt für den digitalen Wandel zu qualifizieren und KI-Anwendungen handfest in den betrieblichen Alltag zu integrieren.

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Bei der Erstellung dieses Beitrags hat Künstliche Intelligenz unterstützt – etwa bei Recherche, Textoptimierung und Formulierungshilfe. Idee, Struktur und Argumentation stammen von Martin.